This shameful and sleazy story of the “Woman Without A Chair” is exclusively available in German language:


DIE FRAU OHNE STUHL


1

Ihr Körper war eine Schande, das stellte sie bereits bei ihrer eigenen Geburt fest, und sie bezog ihr Make-Up stets vom benachbarten Bestattungsunternehmer, der nach eigenem Beteuern die wohl wirkungsvollste Schminke besäße, da sie sich auf die Haut lege wie dichter Nebel. Diese Schminke war in ihrem Gesicht stellenweise so dick aufgetragen, daß die Effekte weniger durch die Farbveränderungen ihrer Haut erzielt wurden, denn dadurch, daß ihr Gesicht regelrecht neu modelliert wurde; hie und da türmten sich die Schminklagen auf ihrer Gesichtshaut so hoch übereinander, daß sich ein völlig neues Relief herausarbeitete und der ursprüngliche Sitz der Augen, der Nase und des Mundes nur noch erahnt werden konnte. An ihrem Kopf war nur noch ein dilettantisches Wechselspiel verschieden großer Wülste, Beulen und Gruben festzumachen, unter welchem es atmete, jammerte und schmatzte.
Die größten Probleme mit ihrer Umwelt bereitete ihr wohl dabei die Tatsache, daß sie in diesem schwulstigen, fettig-pudrigen Gesicht einen Anus anstelle eines Mundes besaß, und daß sich ihr Mund an entsprechend dunkler und von der Außenwelt abgeschnittener Stelle befand. Doch aus dieser Eigenheit verstand sie Nutzen zu ziehen, denn wenn sie gelegentlich ausging, ihre Wangen vorher unter einer Kruste bräunlicher bis orangefarbener Schminke versteckte und den Schließmuskel in ihrem Gesicht mit aufreizend rotem Lippenstift betupfte, so täuschte sie ihre Gesprächspartner und gaukelte ihnen einen besonders verführerischen, permanent gespitzten Kussmund vor. Das Sprechen fiel ihr sicht- und hörbar schwer, denn trotz heftigen Pressens und Zuckens kam kein brauchbarer Laut hervor, abgesehen vom gelegentlichen Hauchen und Zischen beim Absetzen fauliger Gase. Sie sprach deshalb heimlich mit ihrem eigentlichen Munde, auf dem sie in schwierigen Gesprächssituationen zu sitzen hatte, und vermittelte durch die zugegebenermaßen asynchronen Verkrampfungen ihres Anus den Anschein, auch durch ihn zu sprechen und zu argumentieren, zu scherzen und zu lachen. Sie war sich selbst ihre eigene Bauchrednerpuppe und improvisierte das Schauspiel.
In diesem Zusammenhang sei auch ihr Geschlechtsorgan zu erwähnen, welches nicht viel mehr war als ein trostloser Spalt, für den sie sich schämte; er war lieblos geschmückt mit wirrem dünnem Haar und erinnerte an ein in die Ecke gedrängtes, sterbendes Tier. Sie leugnete ihr Geschlechtsteil und trug konsequenterweise eine Windel, um nicht durch den Toilettengang regelmäßig mit dessen Existenz konfrontiert zu werden. Besonderes Aufsehen erregten auch ihre Beine, lange knorrige Verlängerungen ihres Körpers, die an morsches Holz erinnerten und für gewöhnlich derart verkrampft waren, daß sie unentwegt zitterten. Zu allem Überfluss fiel ihr auch noch das Haar aus, so als sei ihr Schädel unfruchtbar geworden, vergiftet vielleicht, oder einfach ausgetrocknet wie ein steiniger Acker. Auf ihrem dürren Schädel krochen einige schmierige Strähnen ziellos umher und wurden erst im Genick durch ein Band zusammengehalten. Dieser jämmerliche Zopf war einer der übriggebliebenen Monumente ihrer weiblichen Schönheit, und sie trug ihn stolz mit sich, ohne sich nicht insgeheim auch für ihn zu schämen.

2

Eines Abends, nachdem sie sich wieder fein gemacht und sich selbst mit einem Einlauf und einem minzigen Zäpfchen verwöhnt hatte, verließ sie voller Tatendrang das Haus und ging zur nächstgelegenen Kneipe der Nachbarschaft. Bei dieser Kneipe handelte es sich um die Stammkneipe anwohnender Ärzte und Wissenschaftler, allesamt Greise und offiziell längst im Ruhestand befindlich: ehemalige Neurologen, Gynäkologen und Proktologen, bis hin zu einer in letzter Zeit rasant anwachsenden Gruppe von Musikwissenschaftlern. Diese Gestalten in langen Kitteln strömten fast allabendlich in die Kneipe, in diesen so kleinen, überhitzten und staubigen Raum. Für gewöhnlich verbrachten sie die trüben Abende am Tische ohne überhaupt ein einziges Wort zu wechseln, um sich im Gegenzug jedoch umso eindringlicher zu beäugen. Ihre Blicke wanderten langsam im Schatten der Kneipe umher, blieben regelmässig an einer beliebigen wässrigen Pupille hängen und verharrten solange, bis sie grund- und ziellos weiterschwammen, sich auf ihrer Reise durch den Raum verirrten und letztlich wieder im nächstbesten feuchten Auge eintauchten.
Wie so die Blicke umherwanderten und die Augenkontakte wirr durch den Raum gesponnen wurden, erschien es, als entstünde tatsächlich ein klebriges Geflecht schmieriger Blicke und trauriger Augenaufschläge, wie ein verknotetes und undurchdringliches Spinnengewebe, das durch die ganze Kneipe hing. Und als nun die Frau mit den scheinbar zum Kuss gespitzten Lippen die Eingangstür öffnete und langsam eintrat, sich auf Zehenspitzen zur Theke zubewegte, ganz vorsichtig, um das Auf- und Abtanzen ihres Zopfes so gering wie möglich zu halten, da war es, als verfange sie sich in diesem gesponnenen Geflecht, als würde sie in Fäden gewickelt und verwoben zu einem riesigen, unförmigen Kokon, während die Wissenschaftler noch immer still und verkrampft an ihren Tischen saßen und nicht mehr wagten, zu blinzeln.

3

Als sie wieder erwachte, fand sie sich liegend auf dem kühlen Boden eines gotischen Gewölbes. Sie nahm voller Ekel wahr, daß sie nackt war, und ihr Körper mit einer klumpigen, öligen Flüssigkeit bedeckt; sie hatte sich in den Falten ihrer Haut gesammelt und hinterließ trockene Krusten. Sie bemerkte die Plattenspieler, die um sie herum angeordnet waren, alte Grammophone mit langen ausladenden Trichtern, die wie weit aufgerissene Mäuler in die Luft ragten. Die Stille im Raum war vollkommen. So lag sie in ihrer Furcht noch immer klamm und gläsern auf der Seite und sah um sich, ohne ihren Kopf zu bewegen, als sie endlich hinter ihrem Rücken ein Krampfen wahrnahm. Jemand, der fast fühlbar nah war, schien sich hinter ihr erbrechen zu müssen und es mit aller Kraft hinauszuzögern.
Vielleicht starb jemand einen Vergiftungstod, denn mit dem gequälten Würgen ging ein noch viel jämmerlicheres Stöhnen und Klagen einher, das so voller Traurigkeit war, dass sie nicht wagte, sich zu bewegen. Sie wartete einfach ab, so wie man das ferne Satzende eines Stotternden abwartet, mit stetem aber unsicheren Blick ins Leere. Die Augen dabei losgelöst von der Umgebung, rollte sie sich zunächst unbeholfen auf ihren Rücken und streckte dann ihre nackten Beine aus, als treibe sie im Wasser. Mit nur zum Spalt geöffneten, aber ganz entspannten Augen blickte sie zur Seite, entdeckte aber sonst niemanden, von einigen hässlichen Plattenspielern abgesehen. Nun fror und zitterte sie, und sie flüchtete sich in tiefen Schlaf.

4

Als sie das nächste Mal erwachte, fand sie sich vor ihrer offenen Haustür liegend, vollständig bekleidet, und sie begann zu zweifeln. Sie blickte in den Spiegel, und versuchte Spuren in ihrem Gesicht auszumachen, die all ihre abstrusen Erinnerungen der letzten Nacht hätten bestätigen können. Seit jeher hatte ihre Phantasie Kontrolle über ihre Erinnerungen, denn oft malte sie sich Situationen in ihrer Vorstellung so plastisch aus, daß sie wenig später schon nicht mehr zwischen Phantasie und Realem unterscheiden konnte, zwischen erdachten wundersamen Begebenheiten und tatsächlich Erlebtem. Das erschreckende dabei war, daß beide Ebenen in ihrem Gedächtnis ineinander übergriffen, ganz fließend und ohne deutliche Trennlinie, und es ihr demnach unmöglich war, zu sagen, ob es sich bei einem bestimmten Detail ihrer Erinnerung um ein wahres Fragment innerhalb eines fiktiven Gerüstes handelte, oder ob es nur einen ersponnenen unwahren Flicken im sonst tatsächlich geschehenen Ganzen darstellte. Daher ließ sich auch nicht mehr ausmachen, ab welchem Zeitpunkt eine Handlung in ihrem Gedächtnis in Fiktion überging; sie wußte einfach nicht, woran sie sich halten und klammern musste.
Sie knöpfte ihr Korsett auf, hing es sorgfältig an den einzigen Haken an ihrer Wand und öffnete ihren Gürtel, sodaß der Rock ihr von den Oberschenkeln rutschte und ihre Windel entblößte. Die Schnalle des Gürtels schlug hart auf den brüchigen Dielenboden. Kaum hatte sich der Schall zwischen den Wänden des Raumes verloren, polterte es heftig unter ihren Füßen, denn der unter ihr wohnende Mieter hämmerte stets hysterisch an der Decke seiner Wohnung, sobald er nur den bedeutungslosesten Laut aus ihren Räumen vernahm. Er schlug sich dabei manchmal regelrecht in Rage, in einen rohen und wilden Rausch, der nicht mehr zu enden schien, und er schrie bis seine Stimme zerbrach, und bis schließlich trotz Raserei und hörbar wilden Tobens nur noch mitleiderregendes Wimmern zu hören war.
Der Boden unter ihr erschrak durch die dumpfen Schläge, er zuckte und zitterte wie ein Muskel. In diesen Momenten schien es, als lösten sich die Holzlatten ihres Fußbodens, als würde sein Leib augenblicklich durch die Decke brechen und ihrem Boden entsteigen, sich vor ihr erheben. Das Grauen, das bei dieser Idee von ihr Besitz ergriff, durchzog ihr Fleisch, bis es ganz zäh und trocken wurde, es versteifte ihre Gelenke und riß an ihrem Haar; wieder blieb sie völlig unbeweglich. Sie stand einfach nur da und sah in den Abgrund, der in ihr selbst war, und sie sah ganz deutlich, wie sich langsam die Dielen unter ihr anhoben und zu krümmen begannen, und wie der unförmige zermürbte Körper des Mannes zu ihr durch die Spalten der Dielen emporquoll, denn er war nicht viel mehr als eine weiche graue Masse, rissig und voller Falten. Sie verspürte beinahe Mitleid mit ihm und auch mit sich selbst. In diesem Moment aber wurde ihr leichter und die Schatten zogen aus ihrem Blick. Sie erkannte in dieser Masse ihren grauen Faltenrock, der ihre Füße umkreiste. Auch der Boden hatte den Schlägen standgehalten, die allmählich abebbten, bis man den Mann schließlich nur noch verlegen an seiner Decke kratzen hörte.

5

Von diesem leisen Geräusch begleitet begann sie, ihren bis auf die Windel nackten Körper zu betrachten und zu untersuchen, um vielleicht Überreste der Flüssigkeit zu finden, die sich zumindest in ihrer Vorstellung über ihr erbrochen hatte, doch sie fand nichts, nicht einen einzigen Hinweis, der ihre Erinnerung zur Wahrheit hätte machen können. So tat sie nun die Erinnerungen an ihre Nacht – die ganze beklemmende Episode im Gewölbe – als substanzloses Phantasma ab, doch sie rätselte, wie weit sie in der letzten Nacht tatsächlich gegangen war; letztendlich beschloß sie für sich, daß auch der Besuch in der Kneipe lediglich eine plastische Idee ihres kranken Kopfes war. Sie musste wohl beim Verlassen ihrer Haustür in heftiges Denken und Phantasieren verfallen sein, und all ihre Erwartungen an diesen Abend – an die dunkle Luft der Kneipe und das staubige Schweigen der Wissenschaftler – musste in ihrem Innern zu einem uferlosen Fluß von Illusionen angeschwollen sein, der ihren Verstand auf seinen Wellen davongetragen hatte.
Das eigenartige jedoch war – wie sie im Anschluß daran bemerkte –, daß sämtliche Stühle aus ihrer Wohnung verschwunden waren. Die Stühle waren ihr kein großer Verlust, da sie es schon immer als ausgesprochen unangenehm empfunden hatte, auf ihrem Mund zu sitzen, und darum Stühle eher mied, doch verstärkte dies erneut ihre Verwirrung. Es kostete einige Monate bis sie sich eingestand, daß sich seit dieser Nacht auch etwas in ihr selbst verändert hatte. Sie musste feststellen, daß sich das Korsett ihres Dirndls nicht mehr schnüren ließ, denn schien sich ihr sonst so sehniger und dürrer Körper stetig mit irgendetwas zu füllen, er schwoll regelrecht an und ihre schlaffe Haut spannte sich und zerrte schließlich so sehr, daß sie glaubte, sie müsse zerreißen. Etwas wahrhaft unerträgliches wuchs in ihrem Körper heran und versteckte sich unter ihrer Haut. Nach weiteren Monaten schien es Form anzunehmen und sie spürte, wie es ihr im Fleisch kroch und sich an ihren Organen rieb. Die Frau erhob ihre Hand und ballte sie, und ihre Faust verhielt sich wie ein Vorschlaghammer, ebenso träge ausholend, und traf auf ihren Bauch.
Die Frau lag nun am Boden und krümmte sich wie in Zeitlupe, alles schien beinahe still zu stehen, auch die neu aufkommenden Schläge ihres Nachbarn unter ihr kamen in ungewöhnlich langen Intervallen zu ihr hinauf. Die Schmerzen, die nun in ihr aufbrannten, lösten ihre Umgebung auf und auch ihrer eigenen Existenz war sie sich noch kaum bewusst. Sie konnte nur noch erahnen, wie sich ihre Windel vom Körper löste und etwas unter grellem Geheul aus ihr trat, etwas, das mehr Leben in sich hatte als sie selbst, und sie wusste, daß sie ohne dieses Etwas in ihrem Körper in Zukunft zu wenig sein würde, nicht mehr genug für diese Welt und für sich selbst.
So war es nicht verwunderlich, daß die Frau in ihrem Delirium versuchte, halb blind nach diesem Ding zu greifen, das bereits zur Hälfte aus ihrem Rumpf ragte, und es gewaltsam wieder in sich hinein zu quetschen. Sie stopfte den kreischenden Körper in diesen elenden Spalt zwischen ihren Beinen, wie zerkochtes Gemüse in einen Truthahn. Als sie sich endlich der Hoffnungslosigkeit ihres Handelns bewusst wurde, gab sie auf, und mit dem kleinen Körper entfuhr ihr auch jeder Wille, weiterhin zu leben. Sie schloss ihre Augen, die ganz nass und kalt waren, und durch ihre geschlossenen Lider hindurch glaubte sie jemanden sehen zu können, der ihre Wohnung lautlos betreten hatte und nun über ihr stand. Das ohrenbetäubende Kreischen des Geschöpfes, das im Ozean zwischen ihren gespreizten Beinen getrieben hatte, entfernte sich nun allmählich von ihr, und war noch für kurze Zeit hörbar, nachdem die Haustür wieder ins Schloss gefallen war. Zurück blieb Stille, nichts blieb hörbar, und mitten in dieses Vakuum hämmerte sich wieder der Mieter, jäh und unvermittelt. Auch in ihm musste etwas verändert sein, denn seit diesem Augenblick verfiel er nicht mehr in Hysterie, sobald sie ein Geräusch verursachte, nein, er geriet in Rage gerade dann, wenn sie besonders still und leise war.

6

Dieses mühevolle Schleichen in ihrer Wohnung, das sie sich angewöhnt hatte, um von niemandem wahrgenommen zu werden, diese Verlangsamung all ihrer Bewegungen, wenn sie beispielsweise mit der einen Hand die Türklinke niederdrückte und gleichzeitig mit der anderen sanft die Tür gegen ihren Rahmen presste, um sie bei ihrer Entriegelung nicht hervorspringen zu lassen, diese vom Mieter konditionierten Verhaltensweisen ließen selbigen von nun an rasen wie Vieh.
Da sie dies nicht ertragen konnte, bemühte sie sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten, soviel Lärm wie nur irgend möglich zu machen. Sie ging nun auf hohen Absätzen umher, sie schlug ihre Türen und schepperte mit dem Geschirr. Dabei meinte sie zu bemerken, daß alles in ihrer Wohnung weniger knarrte, ächzte und stöhnte, der Holzfußboden, die Türklinke, ihr Bett. Mit ihrer rohen Behandlung ging also in allen Dingen spürbar neues Leben auf; nur nicht in ihr. Es war ihr zuwider, daß der Mann sie hören konnte, daß es ihm anhand der Geräusche möglich war, all ihre Handlungen nachzuvollziehen. Selbst ihre Vorhaben und Gedanken schienen hörbar zu sein. Verursachte sie ein Geräusch, so musste es ja unweigerlich dazu führen, daß er sie sich im Geiste vorstellte und daß ihre Person in seinem Kopf mit einer Meinung versehen wurde. All ihre Bemühungen, ein geräuschvolles Leben zu führen, waren unbeholfen und gekünstelt. All ihre Bewegungen – beispielsweise das gespielt achtlose Scheppern mit dem Geschirr – waren kurze ruckartige Verkrampfungen, die das Leben nur hölzern imitieren konnten. Sie zeichnete ihre eigene unzulängliche Karikatur des Lebens anderer.

7

In dieser Verfassung entschied sie sich, zu einem Arzt zu gehen. Dieser Mann wurde ihr vom benachbarten Bestatter empfohlen, und sie trat in die Praxis, natürlich ohne vorher einen Termin vereinbart zu haben. Aufgrund ihres erbärmlichen Äußeren und des unverständlichen Gebrabbels wurde sie ohne langes Gezeter ins Wartezimmer verwiesen. Als sie sich vorsichtig auf ihren Mund setzte, fühlte sie sich plötzlich in ihren früheren Wachtraum zurückversetzt, in die Dunkelheit der nächtlichen Kneipe nämlich, doch schienen die Dinge in diesem Wartezimmer in Umkehrung befindlich. Der Raum war einfach so intensiv grell überstrahlt, dass die Augen aufbrannten und der Körper sie mit Tränen löschte. Kein Schatten wagte sich zu legen, so müde er auch war. In der Mitte des Wartezimmers verdichtete sich eine Leere, die so massiv war, dass sie scharf umrissen erschien. Die wartenden Kranken, die sich unglücklicherweise in kürzestem Abstand zueinander auf am Boden festgeschraubten Stühlen gegenübersaßen, waren verzweifelt damit beschäftigt, jeden Augenkontakt zu vermeiden. In langen quälenden Stunden verloren sie sich im Muster der geschmacklosen Tapete, denn da war ja sonst nichts, woran man sich mit seinem Auge hätte halten können. Trotz der apathischen Verkrampfung der Körper war doch ein solcher Lärm in diesem leeren Raum! Es war ein Lärm, der irgendwo in der Brust wehe tat, denn jeder einzelne Atemzug klang wie ein lautes Japsen nach Luft, jedes verlegene Räuspern wie Gurgeln mit offenem Munde.
Endlich wurde sie ins Arztzimmer geführt und es dauerte eine Weile, bis sie den Mann im Kittel bemerkte, der leicht verloren hinten in der Ecke stand und sie ansah. Etwas erschrocken trat sie vor und eilte ihm zugleich entgegen; sie begann sogar recht hastig zu rennen, durch das endlos lange und schmale Zimmer. Als sie so über den Boden flog und stampfte und sich alles vor ihren Augen schüttelte, war sie in der Hoffnung, das Schweigen des Wartezimmers hinter sich lassen zu können, das ihr noch immer anhaftete.
Doch als sie den Arzt beinahe erreicht hatte, verlangsamte sie ihr holpriges Getrampel und kam nur zwei Schritte vor ihm zum Stehen. Während sie abwechselnd heftig atmete und schluckte, sodaß das Beben ihrer Brüste und das Auf- und Abspringen ihres nutzlosen Kehlkopfes ein nervöses Wechselspiel veranstalteten, unterlag sie erneut einem Déjà-vu, und zwar in dem Moment, als sie dem Arzt in die Augen sah. Es war dieses stumme Gesicht, dieser schwere Blick, der ihr so vertraut erschien.
Die Frau begann zögernd zu sprechen, doch der Arzt gab sich wenig Mühe, den Anschein zu erwecken, ihr zuzuhören und sagte selbst kein einziges Wort. Sie jammerte über innere Unruhe und ihre Schlafstörungen, über seelische Gebrechen aller Art, doch schien er offensichtlich nicht im geringsten auf das zu achten, was sie sagte. Er folgte nur mit wachsender Hingabe den Zuckungen in ihrem Gesicht. Weit nach vorn gebeugt und mit nach hinten geworfenen Armen kam er ihr näher, um jede Einzelheit ihrer Haut betrachten zu können, so nah, daß er mit seiner Nase auf ihrer Wange rieb; die Frau ließ sich dadurch nicht irritieren und führte dies auf die starke Trübung seiner Pupillen zurück. Schließlich aber, als sie es mit der beinah endlosen Schilderung ihrer Leiden auf sich beruhen ließ und in sein Gesicht schielte, das er fast gewaltsam auf ihre Wangen presste, brauchte es eine lange Zeit, bis der Arzt das Schweigen bemerkte. Abrupt löste er sein Gesicht von ihren Wangen und wandte sich ab; für einen Moment konnte sie noch den großen orangefarbenen Fleck erkennen, der auf seiner Nasenspitze zurückblieb. Nun schien er plötzlich maßlos gleichgültig und griff mechanisch in die unterste Schublade seines ansonsten ungenutzt wirkenden Schreibtisches, um einen mit schwarzer Flüssigkeit gefüllten Infusionsbeutel samt Kanüle hervorzuholen. Sie hatte kaum Zeit, um diesen widerlich aufgedunsenen Beutel zu betrachten und sich nach seinem Inhalt zu erkundigen, denn ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, drückte der Mann ihn in ihre Hände und wies schroff zur Tür.

8

Es vergingen einige Tage, während derer sie den Beutel in einem Schrank unter einem Stapel gewissenhaft gefalteter Schmutzwäsche aufbewahrte und versuchte, sich gedanklich von ihm zu lösen. Dieses ekelerregende Ding barg etwas in sich, vor dem sie sich fürchtete. In dieser Zeit bemerkte sie, dass der Mieter unter ihr seit ihrem Arztbesuch nichts mehr von sich hatte hören lassen. Nie wieder klopfte er an seiner Decke oder winselte zu ihr hinauf; es blieb vollkommen still unter ihr, als wäre sie allein im ganzen Haus. Zunächst glaubte sie sich erleichtert, doch schon nach einer Woche fühlte sie sich von ihm verlassen, regelrecht betrogen um seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber, und es dauerte nicht lange, bis sie selbst damit begann, in ihrer Sehnsucht nach ihm den Boden abzuklopfen. Sie erhielt niemals Antwort, erfuhr also niemals den Grund seiner Trennung von ihr. Es war wohl in diesem Zustand des Verlorenseins und Verlorenhabens, daß sie zum Schrank kroch, die Tür öffnete und den Infusionsbeutel hervorholte. Er lag nun in ihren Händen und fühlte sich an wie kaltes rohes Fleisch, das ihr zwischen den Fingern zu zerrinnen drohe. Gleichgültig schob sie sich die Kanüle unter ihre Haut und als sie die Klemme löste, fing der Beutel an, ganz leise zu zucken, fast so als erwache er aus seinem Koma. Leicht angewidert sah sie seinen Bewegungen zu und schlagartig erkannte sie in der Form dieses Beutels den aufgeschwemmten dicken Oberkörper eines Mannes. Sie sah in der monströsen Ausbeulung des Beutels den ausladenden Bauch eines fettleibigen Zwerges, über welchen sich zwei schwülstige Brüste legten und zerflossen wie warmes Wachs; sogar die Brustwarzen und den Bauchnabel erkannte sie nun als solche. Noch wagte sie nicht, ihn zu berühren, und ließ den Beutel für eine knappe Stunde an ihrem Körper. Sie wiederholte die Prozedur in den folgenden Tagen und Wochen, und es wurde schnell zum täglichen Ritual, um das sich der Rest des Tages drehte. Auch beschränkte sie sich nicht mehr auf die eine kurze Stunde, sondern lag manchmal ganze Tage im Bett, mit dem Infusionsständer neben ihr, an dem der Beutel hing. An diesen langen Tagen im Bett tat sie nichts anderes, als seinen Bewegungen zuzusehen. Irgendwann ging sie dazu über, ihn abends mit sich in ihr Bett zu nehmen und ihn zu berühren. Sie bemerkte dabei, dass er nicht mehr kalt in ihren Händen lag, sondern dass er ganz warm war, dass die Wärme aus ihm selbst kam, und sie schmiegte sich an ihn. Seine Bewegungen waren kein hilflose Zuckungen mehr, sondern er lernte, sich mühevoll kriechend auf ihrem nackten Körper umherzubewegen und machte schließlich sogar vergebliche Versuche, sich aufzurichten.
In einer dieser endlosen Nächte, in denen sie sein Wachsen mit stillem Stolz auskostete, sah sie sich selbst und ihre eigene elende Verfassung plötzlich mit größerer Klarheit als jemals zuvor. Sie war inzwischen bettlägrig geworden und hatte schon seit langem nicht mehr genug Kraft, ihre Notdurft außerhalb des Bettes zu verrichten. Zum ersten Mal begann sie, ihre Beziehung zu ihm zu ergründen. So kam ihr der seltsame Gedanke, daß nicht eigentlich er der Infusionsbeutel war, der leergesaugt wurde, sondern daß sie es war. Sie dachte an den Arzt und an den orangefarbenen Fleck auf seiner Nasenspitze, an den leblosen Beutel kalten Fleisches in seiner Schublade. Schon bald glitt ihr der Rock wieder von den Hüften, langsam die spröden Oberschenkel hinunter. Er schwebte lautlos hinab und legte sich sanft auf den Dielenboden, diesmal ganz ohne den Knall der schweren Gürtelschnalle.